Ich habe ja nichts zu verbergen

11 Jun

Ich habe ja nichts zu verbergen. Diese Aussage hört man oft, wenn man sich um Privatsphäre und Datenschutz Sorgen macht. Meine Antwort auf solche Ausagen lautet jeweils: wenn du damit einverstanden bist, dass wir eine Kamera in dein Schlafzimmer, dein Wohnzimmer und dein Badzimmer stellen und die Inhalte ins Internet übertragen, kann Privatsphäre und Datenschutz wirklich egal sein. Doch versuchen wir, das Ganze zu beschreiben.

Stellen wir uns vor, es gibt eine ’normale‘ Person. Unter ’normal‘ verstehe ich das, was oder wie es die Mehrheit macht oder was allgemein als erstrebenswert gilt. Beispielsweise ist es normal, täglich arbeiten zu gehen. Es ist beispielsweise auch normal, dass wir atmen und Nahrung zu uns nehmen. Jetzt gibt es Bereiche, in denen es mehrere Varianten gibt, die als ’normal‘ bezeichnet werden. Beispielsweise kann man sich in einem Haus einmieten oder ein eigenes Haus erwerben. Das Leben auf der Strasse mit Wolldecke hingegen wird als nicht ’normal‘ betrachtet. In gewissen Bereichen wird per Gesetz einen allgemein gewünschten Zustand erzwungen. Dort sollen absichtlich keine anderen Varianten geduldet werden. Hier muss aber der Grundsatz eingehalten werden, dass die anderen Varianten wirklich störend sind für andere bzw. die Freiheiten anderer einschränken.

Zum Glück gibt es diesen ’normalen‘ Menschen nicht. Jeder Mensch macht Fehler oder verhaltet sich in gewissen Bereichen anders als die Mehrheit. Dies ist positiv, sorgt für Abwechslung und bringt schlussendlich die Gesellschaft weiter. Stellen wir uns nun einmal vor, es gäbe keine Privatsphäre. Alles was wir machen, ist öffentlich. Jeder kann sehen, wo wir ’normal‘ sind und wo eben nicht. Jeder kennt unsere Stärken und Schwächen. Diese Vorstellung ist beängstigend. Einerseits entsteht, vielleicht auch unbewusst, ein grosser Druck, ’normal‘ zu sein. Andererseits werden wir angreifbar. Schlussendlich geht es um die Macht über diese Menschen.

In der Schweiz ist die Ueberwachung noch nicht gravierend. Beispielsweise kennen wir das Bankkundengeheimnis, das ein grossartiger Schutz der Privatsphäre darstellt. Aber auch in anderen Bereichen, beispielsweise im Waffenrecht, zeigt der Staat, dass er nicht alles zu überwachen gedenkt und dem mündigen Bürger vertraut, anstatt misstraut. Und das mit überraschend grossem Erfolg.

In der USA sieht es bereits anders aus. Ich hatte letzte Woche ein Gespräch mit jemandem, der im letzten Jahr eine längere Zeit in den USA verbracht hat. Die Ueberwachung sei extrem, man sei ständig unter Kontrolle. Beamte können aus reinem Verdacht eine Hausdurchsuchung durchführen. Und es sei ein „beschissenes“ Gefühl, wenn sein eigenes Haus plötzlich und unerwartet von einem Heer Polizisten gestürmt wird. Ich hoffe schwer, dass es in der Schweiz nie soweit kommen wird.

Am letzten Wochenende hatte ich eine Diskussion über Datenschutz und Schengen. Dabei hat mich ein Votum eines Kollegen besonders zum Nachdenken gebracht. Und zwar sagte er, dass er keine Probleme mit einer gesamteuropäischen DNA-Datenbank hätte. Erstens seien diese Informationen für die meisten Menschen wertlos. Und zweitens sei das gut, wenn dadurch auch nur ein Vergewaltiger früher aus dem Verkehr gezogen werden könne.

Zuerst ist es einmal das Gefühl des „Ueberwacht-Seins“. Ich bin überzeugt: Mit solchen Datenbanken erstellen wir problematische Strukturen, die leicht ausser Kontrolle geraten könnten. Beispielsweise können wir nicht wissen, wer auf diese Informationen zugreift. Und für was diese Informationen später auch verwendet werden. Gibt es einen Grund, diese Informationen später auch nicht für andere Delikte (auch Bagatellen), z.b. das Wegwerfen von Abfall zu verwenden? Oder wir wollen wieder „Ruhe und Ordnung“ herstellen und verbieten das Spucken auf den Boden per Gesetz (Beispiel). Einige Präzedenzfälle und jeder ist abgeschreckt, wir erzwingen eine „saubere“ Ordnung. Das Risiko, dass die persönliche Freiheit eingeschränkt wird, ist gross. Wir werden genauso „herangezüchtet“, wie es als ’normal‘ und ‚gut‘ angesehen wird. Solche Horror-Vorstellungen sind zum Glück noch nicht Realität. Das Bild des gläsernen Bürgers habe ich sehr klar vor Augen.

‚Wehret den Anfängen‘ ist nach diesen Ueberlegungen vielleicht doch nicht ganz fehl am Platz. Oder ich bin einfach etwas paranoid in dieser Beziehung?

Thomas M. Cooley: „Privacy is the right to be let alone.“

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